Über Schotterpisten ins abgeschottetste Land der Welt – Grenzübergang nach Turkmenistan und Ankunft in Turkmenbashi

Dienstag 10.10. - Tag 6

Um 5 Uhr morgens wurde ich abgeholt. Noch dunkel, noch verschlafen, zwei Fahrer im Van. Die Hotelleute wünschten mir auf dem Weg nach draußen ernsthaft Glück. Nicht als Floskel. Die meinten das so.

Und das sagt eigentlich schon alles über das Land, in das es jetzt gehen sollte.

Turkmenistan. Eines der abgeschottetsten Länder der Erde. Oft mit Nordkorea verglichen, von der US-Menschenrechtsorganisation Freedom House mit null von 40 möglichen Punkten für politische Rechte bewertet. Null. WhatsApp, Instagram, all das: gesperrt. Ein Land, in dem der erste Präsident nach der Sowjet-Unabhängigkeit sich kurzerhand selbst zum „Vater aller Turkmenen" ernannte und Monate nach sich umbenannte. Sein Nachfolger, ursprünglich Zahnarzt, machte nahtlos weiter. Was man so hört. Verlässliche Infos über das Land zu finden ist nämlich gar nicht so einfach, weil schlicht kaum jemand rein kommt.

Ich war nicht ganz sicher, ob das alles klappt. Nicht wirklich beruhigend.

Die ersten Stunden Fahrt zur Grenze gingen also los. Immer geradeaus durchs Nichts. Die Fahrer rasten und wichen dabei ständig riesigen Schlaglöchern aus, was die Sache nicht entspannter machte. Gut 50 Kilometer vor der Grenze hörte das auf, was man als Straße bezeichnen könnte. Stattdessen: eine geisteskranke Schotterpiste, auf der man die „Straße“ kaum noch sehen konnte. Da man keinen SUV hatte, sondern einen normalen Minivan, wurde der Staub noch intensiver aufgewirbelt. Sicht gegen Null.

Ich hab schon einiges an schlechten Straßen gesehen, aber das hier war auf einem anderen Niveau. Die eigentliche Hauptstraße war offensichtlich so kaputt, dass sich über die Jahre mehrere parallele Fahrspuren durch das angrenzende Feld gegraben hatten. Diese nutzte man natürlich auch, was allerdings die Gefahr des Festfahrens erhöhte. Entgegen kam sowieso kaum was, nur gelegentlich ein LKW, der den Dreck dann besonders schön aufwirbelte. Irgendwann gab es kurz eine Pause, es wurde langsam hell und die Fahrer begutachteten die bisherigen Schäden am Fahrzeug.

Die Stoßstange hing auf halb 8. Nachdem diese notdürftig repariert wurde, ging es weiter und dann tauchte mitten im Nirgendwo die Grenze auf.

LKW-Schlange. Alle weiß lackiert, wie ich später erfuhr eine Vorschrift. Weiß ist die Lieblingsfarbe des aktuellen Machthabers, also werden in Turkmenistans Hauptstadt keine anderen Autofarben zugelassen. Man gewöhnt sich offenbar an alles.

Die Grenze öffnet erst um 9 Uhr. Eine gute halbe Stunde vor Öffnung waren wir bereits da und so verabschiedete ich meine Fahrer, die diese komplett absurde Strecke jetzt auch noch zurück fahren mussten. Viel Glück. Ob sie jemals angekommen sind, werde ich wohl nie erfahren.

Eine Viertelstunde später als geplant öffnete dann die Grenze. Ein Soldat holte mich rein, ich war der einzige ohne Auto, der einzige Tourist sowieso. Erste Ausreise Kontrolle war sehr entspannt. Stempel rein, dann zu Fuß rüber nach Turkmenistan. Zwischen Kasachstan und Turkmenistan liegt ein gutes Stück Niemandsland: Stacheldrahtzäune, Wachtürme, mehrere Posten hintereinander. Locker drei Kilometer. Rechts und links absolut nichts.

Die drei Kilometer musste ich komplett laufen. Ich war die einzige Person, die grade zwischen den beiden Ländern war. Komplett irre.

Auf der anderen Seite angekommen, musste erst mal ein Coronatest gemacht werden. Obwohl Corona schon lange Geschichte ist. Der Typ am Häuschen telefonierte nebenbei und spielte auf dem Handy, zog mir kurz einen Strich durch den Mund und das wars. Weiter zum nächsten Schalter, Pass abgeben, freundlich in Turkmenistan willkommen geheißen. War mir zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht so sicher, ob das so stimmt.

Dann ging es ins Migrationsgebäude. Ein Unfreundlicher Mann im Hemd mit einem jungen Soldaten als Übersetzer fragten woher ich komme und was ich hier will. Zettel in die Hand gedrückt, dem Soldaten folgen. Bank, weiterer Zettel, Schlange mit rund zwanzig Leuten. Dann tauchte mein Turkmenistan Guide aus dem nichts auf. Er hatte irgendwie einen Weg gefunden reinzukommen, obwohl er eigentlich nicht durfte, und drängelte mich vor alle anderen. Der kannte da nix. In einem Dunklen Büro wurde dann mein Visum in den Pass eingeklebt. Dann musste ich nochmal zum Bankschalter. Dann Gepäckkontrolle, alles raus, Medikamente zeigen. Nochmal Pass. Und dann war es endlich geschafft.

Insgesamt 102 Dollar für Coronatest, Visum und sonstige Gebühren. Ohne den Guide hätte diese Prozedur vermutlich deutlich länger gedauert.

Ab hier: Schmiergeld an Bauarbeiter für die Straßennutzung. Geld tauschen beim Guide zu Schwarzmarktkonditionen, dreimal so gut wie der offizielle Kurs. Manat ist die Währung hier in Turkmenistan. Und dann gab es noch ein paar Grundregeln von meinem Guide: Fotos nur mit Erlaubnis, nicht bei militärischen Anlagen, Checkpoints und Regierungsgebäuden. Davon gibt es hier reichlich.

Die Fahrt ging dann entlang des Kaspischen Meeres Richtung Turkmenbashi, dem ersten Ziel in Turkmenistan. Die Stadt hieß bis 1993 noch Krasnovodsk, wurde dann nach dem ersten Präsidenten umbenannt, der sich selbst diesen Titel gegeben hatte. Skurril. Sie ist der einzige größere Hafen Turkmenistans am Kaspischen Meer, was das Land zu einem Verbindungspunkt zwischen Zentralasien und dem Kaukasus macht. Hier nach Baku überzusetzen ist einer der wenigen Wege rein und raus.

Die Strecke dorthin: weit und breit absolut nichts. Kein einziges Haus. Nur diese eine Straße und alle paar Kilometer ein Militärcheckpoint. Jedes Mal Pass raus, kurze Kontrolle, weiterfahren. Das zieht sich.

Mein Guide war die ganze Zeit am Telefonieren um mir Biersorten rauszusuchen, die ich auf Untapped noch nicht eingecheckt hatte. Ich hatte ihm vorher erklärt was Untapped ist und er fand das offenbar ausreichend wichtig, um gleich mehrere Leute anzurufen und sich nach lokalen Sorten zu erkundigen. Das war tatsächlich sympathisch.

Dann, nach Stunden auf dieser öden Strecke ohne sehenswerter Fotospots, plötzlich: ein riesiges weißes Marmormonument auf einem Kreisverkehr. Und zack, dreispurige tadellose Fahrbahn. Eine riesige turkmenische Flagge. Weiße Häuser im sowjetischen Stil. Berge im Hintergrund, das Kaspische Meer auf der anderen Seite. Turkmenbashi.

Der erste Stop war ein Bazar. Hier ging es das erste mal unter Einheimische. Kaviar war hier das Ding überhaupt. An jedem zweiten Stand gab es ihn und dann bestand mein Guide auch noch drauf, dass ich ihn probieren muss. Ekelhaft. Riesige Beluga Störe lagen da, von denen der Guide sagte, man dürfe sie eigentlich gar nicht fischen. Fotos davon ausdrücklich verboten. Einfach nichts hinterfragen.

Nach dem stöbern über den Basar ging es dann zu einem Restaurant in der Stadt. Steak und Pommes für umgerechnet sieben Euro, dank des guten Schwarzmarktkurses. Weiter zu einem Getränkemarkt, wo ich die gewünschten Untapped-Biere einpackte, ehe es zum Hotel für heute gehen sollte.

Ein riesiger Bunker von einem Gebäude. Innen erstaunlich schick. Pool, Zimmer mit Meerblick. Das konnte schon was hier. Kurz auf dem Zimmer, fix den Kühlschrank mit dem Bier aus dem Getränkemarkt bestückt, auf die Terrasse gesetzt und aufs Kaspische Meer geguckt.

In Turkmenistan. Mit Wlan konnte dann über Teams nach Hause telefoniert werden, weil WhatsApp und Instagram hier ja nicht gingen.

Abends dann noch im Hotelrestaurant ne Kleinigkeit gegessen und zeitig schlafen gegangen. Mit dem komischen Gefühl, dass hier irgendwie alles beobachtet wird. Ob das Paranoia ist oder Realität weiß ich nicht. Vielleicht beides.

Der härteste Grenzübergang: Zu Fuß ins isolierte Turkmenistan

Ankunft in Turkmenbashi: Weißer Marmor und illegaler Kaviar auf dem Basar

Willkommen in Aşgabat: Wo tote Marmor-Kulissen auf 50-Cent-Bier treffen

Mittwoch 11.10. - Tag 7

Das IPhone war beim aufwachen aus, obwohl ich es nicht ausgemacht hatte.

Komisches Gefühl.

Vielleicht denke ich zu viel. Vielleicht auch nicht.

Zum Frühstück im nahezu leeren Hotelrestaurant gab es natürlich Kaviar. Was auch sonst. Das Frühstück war aber eigentlich zweitrangig, denn mich beschäftigte etwas anderes. Auf der Etage wo ich mein Zimmer hatte, schienen die Mitarbeiter exakt in dem Moment aktiv zu werden, in dem ich aus dem Aufzug trat. Die Rede ist unter anderem vom Zimmerservice, aber für welche Gäste? Kurz vorm Auschecken, als ich meine Tasche holte und die Zimmertür aufmachte, stand auf einmal ein Mann im Anzug direkt davor. Fragte nach dem Zimmerschlüssel. Ich raus, er rein.

Unten fragten mich die Guides grinsend, ob ich den Security gesehen hätte.

Er musste mein Zimmer checken. Wozu, wurde mir nicht gesagt.

Vielleicht musste er ja die Verkabelung entfernen.

So ging es also per Auto in Richtung Aşgabat. Die Morgenstimmung mit der Sonne über der kargen Landschaft war tatsächlich schön. Kurz danach gab es eine Reifenpanne, die in wenigen Minuten erledigt war. Nachdem ich nun etwas mehr mit meinem Guide auf Tuchfühlung ging, dachte ich mir „komm, wir gucken mal, wie weit ich gehen kann“ So fragte ich ihn, ob ich mein Bier, welches ich ja auf dem Zimmer gekühlt hatte, hier im Auto trinken dürfe. „Ja klar, kein Problem“ Ja gut, also wenn das so ist..Halb neun morgens in Turkmenistan. Bier Nummer eins war geöffnet.

Während ich mir die insgesamt vier Bier, welche ich mir aus dem Hotel mitgenommen hatte, plus drei weiterer, welche an Biershops unterwegs gekauft wurden, auf der insgesamt gut siebenstündigen Fahrt Richtung Turkmenistans Hauptstadt genehmigte, zog draußen eine Kulisse vorbei, die wie aus der Zeit gefallen wirkte. Wir fuhren vorbei an unzähligen kleineren Städten wie Balkanabat und Serdar, die wie staubige Oasen am Straßenrand auftauchten und wieder verschwanden. Zur rechten Seite bauten sich die schroffen Ausläufer des Kopet-Dag-Gebirges auf, die wie eine unüberwindbare, steinerne Mauer die Grenze zum Iran markierten. Die Monotonie der Wüstenautobahn wurde immer wieder auf herrlich absurde Weise unterbrochen – etwa dann, wenn eine Gruppe tiefentspannter Kamele beschlossen hatte, die Fahrbahn als eigenen Spazierweg zu nutzen. Meine Route war alles andere als die typische Turkmenistan Tour. In diese Ecke des Landes hier kommen generell die aller wenigsten Touristen, während die meisten, die sich hier überhaupt in dieses Land verirren, wohl eher nur in die Region um Aşgabat und höchstens dem Tor zur Hölle rum treiben.

Während wir uns der Hauptstadt Aşgabat näherten, hier noch ein kurzer Funfact zur Hauptstadt: Aşgabat hält den Weltrekord für die höchste Dichte an weißen Marmorgebäuden auf der Welt. Alles hier ist strahlend weiß, aufgeputscht, aufgeräumt und dabei angeblich so leblos wie eine Filmkulisse. Während der Rest des Landes in schlichter Armut versinkt, wurde hier eine Stadt gebaut, die vor allem eines sein soll: beeindruckend.

Kurz vor der Stadtgrenze musste unser Auto noch gewaschen werden. Dreckige dürfen die Stadtgrenze nicht passieren. Außerdem dürfen Fahrzeuge, älter als 2007, sowie nicht-weiße oder silberne Autos nicht in die Hauptstadt. Das ist kein Witz. Das ist Turkmenistan.

Die Reihenhäuser, welche wir am Stadtrand passierten, sahen allesamt leer aus. Keine Wäsche draußen, keine spielenden Kinder, keine Zeichen davon, dass hier irgendjemand wirklich wohnt. Mein Guide erklärte mir seelenruhig, dass der aktuelle Präsident genau hier aufgewachsen sei. Hunderte identische Reihenhäuser, eins nach dem anderen. Ein Turkmenisches Vorzeige-Dorf. Natürlich kommt er da her.

Angekommen am Hotel, welches zentral in der Stadt liegt, verabschiedeten sich die Guides. Ab jetzt war ich komplett auf mich gestellt.

Was ich dann erlebt habe, hatte ich so nicht erwartet.

Nachdem ich kurz mein Gepäck auf das in die Jahre gekommene Zimmer gebracht hatte, ging es zu Fuß in die Stadt.

Zum fußläufig rund zwei Minuten entfernten russischen Basar ging es als erstes und zur totalen Überraschung war dort einiges los. Obststände, Souvenirs, ein authentisches Treiben, das man in dieser Stadt schlicht nicht erwartet hätte. Ich schlenderte vorbei an einigen Obst- und Gemüseständen und hier bekam ich sogar einen Magneten. Ich hatte nicht gedacht, dass es hier überhaupt welche gibt.

Eine kurze Rast gab es danach in einem vom Guide empfohlenen Café, welches mit WLAN inklusive VPN zu überzeugen wusste. Ja richtig gehört. VPN. Dieser ist hier eigentlich verboten, aber dieses Touristencafe hier hatte ihn. Und somit konnte ich sogar auf Insta und WhatsApp. Was hier abgeht, war mir in diesem Moment wirklich nicht klar. Wieso geht das ? Warum ist das erlaubt ? Alles Fragen, welche ich mir noch nicht so ganz erklären konnte.

Nach einem kurzen Telefonat via WhatsApp nach Hause, ging es weiter in das Irish Pub. Wer kennt es nicht, Irish Pub in Turkmenistan. Ich ging rein und stand in einem ziemlich noblen Laden. Ich dachte „ok, hier bin ich falsch“, da zeigt die Bedienung nach links. Ich ging also den Gang lang und stand tatsächlich in einem waschechten Irish Pub. Schlagzeug in der Ecke, Zapfbier, Schals an der Wand, darunter auch ein BVB-Schal. Borussia ist wirklich überall.

Hier bei guter Musik gab es ein Filetsteak mit Pommes und ein halben Liter Zapfbier für 12 Euro. Absurd.

Weiter ging es ins Bavaria Pub, keine hundert Meter entfernt. Biergarten, Bavaria-Schriftzug, geile Elektro-Musik und ein Live-Act, der schon aufgebaut wurde.

Nach einem Bier dann kurz die Kamera ins Hotel gebracht, da das hier schon wieder Lust nach mehr machte. Es war bereits dunkel und zurück auf dem Hotelzimmer konnte ich kurz vom Balkon aus die leuchtende Stadt bewundern. Die weißen Marmorfassaden, welche in wechselnden Farben angestrahlt wurden. Wirklich sehr beeindruckend. Tagsüber ist alles sehr steril und leblos, nachts sieht es tatsächlich nach etwas aus.

Nun ging es wieder los. Im Bavaria Pub gab es dann Live-Musik. Dass hier Aschenbecher auf dem Tisch stehen und in der Öffentlichkeit Alkohol und Rauchen eigentlich verboten sind, ist auch einfach nur absurd. Turkmenischer Schlager wurde hier vom live Protagonisten zum besten gegeben und in der Pause gabs dann wieder Elektro Musik. Gezapfter halber Liter Bier kostet hier einfach fünfzig Cent. Hammer. Ich fragte zu späterer Stunde, ob ich ein Foto vom Grill machen darf. Der Grillmeister hat mich daraufhin stolz ins Kühlhaus mitgenommen und mir sein komplettes Fleisch gezeigt. Danach drückte er mir die Zange in die Hand, damit ich das Fleisch selbst wenden konnte. Mal kurz das Fleisch der Gäste gedreht. Nach meinem Grilldebüt wurde sich zusammen mit dem eigentlichen Team Grillmeister noch ein Bier aufs Haus genehmigt.

Von wegen kontaktscheu die Turkmenen.

Am Ende des Abends ging es dann gut angesäuselt noch etwas auf den Hotelbalkon mit einem letzten Bier in der Hand. Von hier konnte man wunderbar die bunten Lichter dieser absurden Stadt beobachten.

Ich hatte das hier komplett anders erwartet. Düster, klaustrophobisch, ein permanentes Gefühl von Überwachung. Das war zwar tagsüber noch da, aber abends hat diese Stadt meine Perspektive ziemlich gründlich gerade gerückt. Vielleicht war das ganze Bier über den Tag verteilt da aber auch etwas förderlich.

Was ein Tag.

Roadtrip durch die Wüste: Mit Dosenbier vorbei an Kamelen und dem Iran

Aşgabat unzensiert: Leben auf dem russischen Basar und verbotenes VPN

Das Nachtleben von Aşgabat: BVB-Schals, Elektro-Beats und Grillmeister-Freibier

Aşgabat Sightseeing: Zwischen Fake-Dokus und der echten Realität

Sonntag 12.10. – Tag 8

Etwas ausschlafen durfte heute mal wieder sein.

Mein Guide holte mich ab, nachdem ich ihn darum gebeten hatte, ob wir gemeinsam die Stadt per Auto abklappern könnten. Aşgabat ist schlicht zu weitläufig, um alles zu Fuß zu erreichen. Die Stadt ist auf Autos ausgelegt, nicht auf Menschen, die rumlaufen wollen.

Und dann die erste Überraschung direkt beim Losfahren: eine Frau am Steuer.

Ich hatte vorher gelesen, Frauen dürfen hier kein Auto fahren. Der Guide schmunzelte. Nicht mehr, sagte er. Das Land öffne sich. Ob er mir das extra beweisen wollte? Möglich. Hat jedenfalls funktioniert.

Erster Stop war ein großer Platz mit einer riesigen Statue im Zentrum und Figuren ringsherum. Wir standen mitten im Unabhängigkeitspark, direkt vor dem gewaltigen Unabhängigkeitsdenkmal.

Das Ding ist gigantische 118 Meter hoch und sieht von Weitem aus wie eine weiße, futuristische Raumstation mit einer riesigen, goldenen Raketenspitze. Das schneeweiße Fundament soll eigentlich eine traditionelle turkmenische Jurte darstellen – nur eben in der total überdimensionierten Marmor-Variante.

Der gesamte Platz wird von einer Armee aus riesigen, finster dreinblickenden Bronzestatuen bewacht. Das sind die historischen Helden und Herrscher des Landes, die mit ihren Schwertern und Gewändern wie die turkmenischen Avengers um das Monument herumstehen.

Beeindruckend, keine Frage. Während wir noch hier standen, kam eine Hochzeit an. Trommeln, Flöten, Tanz. Die Leute waren etwas scheu, was Fotos anging aber die Gewänder, die Lebensfreude, die weiße Stadtkulisse dahinter – echter Kulturschock auf eine angenehme Art.

Kaum hatten wir uns versehen, kam die nächste Hochzeit. Und die ließen mich sogar ein Foto mit dem Brautpaar machen, unter einer Bedingung: ich soll auf Deutsch dem Brautpaar alles Gute wünschen. Mehrere Kameramänner filmten das Ganze. Was die wohl aus den Aufnahmen gemacht haben. Die turkmenische Brautmode ist wirklich so eine Sache für sich. Ich habe ja schon viel gesehen, aber das hier ist ungelogen eines der umständlichsten und schwersten Gewänder der Welt.

Die Braut war quasi komplett verschleiert, aber nicht mit einem dünnen Tuch, sondern sie hatte einfach einen Teppich auf dem Kopf. Traditionell nennt sich dieser massive Kopfschmuck Gelin Boruk oder Kurte – ein reich bestickter, fast starrer Mantel, der über den Kopf gezogen wird.

Dazu kommt der Schmuck: Die Bräute tragen kiloweise traditionellen Silberschmuck, der Brust, Arme und Kopf bedeckt. Zusammen mit dem massiven, dicken Samtkleid wiegt die gesamte Montur locker um die 40 Kilo und je nachdem sogar bis zu 60 Kilo! Die Braut kann sich darin kaum allein bewegen, geschweige denn normal atmen. Ein absoluter Kulturschock, wenn man das zum ersten Mal live sieht – besonders vor dieser sterilen, weißen Marmorkulisse.

Das Brautpaar stieg nach der Zeremonie in geschmückte Autos, wie ich sie zuvor noch nie gesehen hatte. Wirklich super prunkvoll alles.

Kulturschock in Samt und Seide: 40 Kilo Brautkleid vor weißem Marmor

Es ging den Park entlang, um noch eine weitere Statue zu sehen. Es war ein überdimensionales Buch. Das Nationalbuch des ersten Präsidenten Saparmurat Niyazov, bekannt als „Ruhnama", ist kein normales Buch. Es war jahrzehntelang Pflichtlektüre in Schulen, Universitäten und sogar bei Führerscheinprüfungen. Der Inhalt wird bis heute abgefragt.

Weiter ging es zur Mall, weil ich meine Sonnenbrille im Hotel vergessen hatte. Die Mall war voll. Ganz normale Menschen, ganz normaler Sonntag. Kein leeres Schaufenster-Szenario wie in manchen Dokus angedeutet. Nach kurzem Verhandeln: eine Sonnenbrille für zehn Euro. Im Supermarkt daneben volle Regale, eine Frischetheke, heiße Speisen zum Mitnehmen. Hähnchen mit Sahnesauce und Reis für drei Euro inklusive Getränk.

Das Pflichtbuch des Diktators und eine Zehn-Euro-Sonnenbrille

Dann ging es zum Nationalmuseum. Eintritt zuzüglich extra Gebühr fürs Fotografieren musste bezahlt werden. Ich schlenderte circa eine halbe Stunde durch die wirklich sehenswerten Museumshallen und konnte währenddessen von allem problemlos Fotos schießen. Auch hier - anders als in so manchen Dokus dargestellt.

Ein paar Fakten zum Nationalmuseum: Es zählt zu den größten Museen Zentralasiens und zeigt auf mehreren Stockwerken die Geschichte Turkmenistans, von der Antike bis zur Gegenwart – inklusive pompöser Präsentation beider Präsidenten-Ären. Ein ganzer Flügel ist praktisch ein Denkmal an sich selbst.

Guinness-Rekord im Geistermodus: Alleine im Indoor-Riesenrad

Weiter ging es zum großen Verfassungsdenkmal, welches rund 185 Meter hoch ist. Sieht etwas aus wie ein großer Glockenturm.

Nur ein paar Hunderte Meter weiter kam das wohl surrealste Gebäude, was ich jemals gesehen habe. Ein Riesenrad. Indoor-Riesenrad um genau zu sein. Das Aşgabat Riesenrad, welches zum Alem Kultur- und Unterhaltungszentrum gehört, ist mit 47,6 Metern das größte „überdachte“ Riesenrad der Welt – Guinness-Weltrekord.

Damit wollte ich natürlich fahren. Es musste einfach extra für mich angemacht werden. Außer mir war niemand da. 2,50 Euro. Dazu bekam ich noch einen Magneten geschenkt. Vom Riesenrad aus hätte man eigentlich einen guten Blick über die Stadt haben sollen, wäre da nicht der permanente Smog über Aşgabat. Die Sicht war allerdings auch durch die „Überdachung“ nur halb so gut, als wäre es ein ganz normales Riesenrad, aber normal gibt es hier in Turkmenistan einfach nicht.

Der 85-Meter-Dichter und der vergoldete Lieblingshund

Wir ließen die sterile Innenstadt hinter uns und steuerten auf die schroffen Ausläufer des Kopet-Dag-Gebirges zu. Schon von Weitem blickst du auf eine Kulisse, die mal wieder völlig surreal wirkt: Hoch oben auf den Hügeln thront die gigantische Fernsehstation von Aşgabat – ein Fernsehstudio in Form eines riesigen, futuristischen Sterns, die aussieht wie ein gelandetes UFO.

Und direkt darunter, quasi im Schatten dieses Beton-Sterns, baute sich das nächste monumentale Wahnsinnsprojekt vor uns auf: das Magtymguly-Pyragy-Monument.

Das Ding ist keine normale Statue, das ist ein brutaler Koloss aus dunkler Bronze. Ganze 85 Meter ragt der Typ hier in den turkmenischen Himmel. Dargestellt ist Magtymguly Pyragy, der quasi als Über-Vater der turkmenischen Literatur und Philosophie gilt. Die Anlage wurde erst im Mai 2024 zu seinem 300. Geburtstag eröffnet – natürlich pünktlich, natürlich maximal klotzig, wie alles hier.

Wenn du davor stehst, merkst du erst, wie winzig du in dieser Kulisse eigentlich bist. Ein gigantischer Dichter aus Bronze, über dir der absurde Sender-Stern und um dich herum die karge Weite der Berge.

Wir fuhren wieder ein Stück rein in Richtung Stadt. Und da stand es dann: das nächste architektonische Fragezeichen. Erst passierst du ein riesiges Denkmal für Fahrräder – warum auch nicht –, und kurz danach das absolute Highlight turkmenischer Absurdität: die vergoldete Statue vom Lieblingshund des ehemaligen Präsidenten. Ein riesiger Alabai-Hirtenhund, thronend auf einem fetten Sockel. Da fragst du dich beim Vorbeifahren wirklich nur noch: Was zur Hölle soll das eigentlich? Aber gut, schmunzeln, Kamera draufhalten und weiter.

Der nächste Stop war dann wieder von einem ganz anderen Kaliber: die Ruhy-Moschee .

Das ist nicht einfach nur irgendein Gotteshaus, sondern die Moschee, in der sich das Mausoleum von Saparmurat Niyazov befindet – dem ersten Diktator und „Vater aller Turkmenen“. Das Teil ist ein gigantischer, weißer Marmortraum mit einer goldenen Kuppel, in den einfach mal locker 10.000 Gläubige reinpassen. Damit gehört sie zu den größten Moscheen der Welt.

Wegen meiner Tattoos hieß es hier erst mal: Lange Hose anziehen, sonst bleibst du draußen. Aber der Aufwand hat sich gelohnt. Wenn du in dieser riesigen, völlig stillen Halle stehst, merkst du richtig, wie dieser Mann sich hier sein eigenes, unsterbliches Denkmal gesetzt hat. Gigantisch, bildschön und gleichzeitig verdammt einschüchternd.

Lange Hose für den Vater aller Turkmenen: Die Ruhy-Moschee

An dieser Stelle musste ich mich erst mal selbst kneifen und meine eigenen Erwartungen hinterfragen. Wenn du dir vor der Abreise die typischen YouTube-Dokus über Turkmenistan anschaust, kriegst du immer dasselbe Bild serviert: Eine paranoide, völlig verwaiste Geisterstadt, in der die Menschen aus Angst vor dem Regime nicht mal atmen.

Die Realität auf den Straßen sah für mich bis hierhin aber anders aus.

Klar, es gibt rote Linien: Sobald du die Kamera in Richtung Regierungsgebäude oder Soldaten hältst, ist sofort Schicht im Schacht. Das lässt du hier besser bleiben, wenn du keinen Ärger willst. Aber abseits davon? Die Parks waren voller Leben. Familien beim Picknick und Jugendliche tanzten zu Musik in den Parks. Von wegen tote Kulissenstadt.

Aşgabat hat definitiv zwei Gesichter: Es ist absurd, es ist streng kontrolliert, aber es ist eben keine leblose Kulisse. Die Dokus zeichnen da oft ein extrem einseitiges Bild, das der Realität vor Ort einfach nicht gerecht wird. Die Menschen hier leben ihr Leben – und das mit einer überraschenden Leichtigkeit, die ich so niemals erwartet hätte.

Im Wifi-Café gab es dann noch einen Milchshake und der Guide wechselte mir erneut Geld zum Schwarzmarktkurs. Mal wieder zum Dreifachen des offiziellen Kurses. Man nimmt was man kriegt.

Nach der kurzen Pause ging es noch zu einem großen Platz mit einem Kriegsmahnmal und Erdbeben-Denkmal. Das Erdbeben von Aşgabat 1948 tötete schätzungsweise 110.000 bis 176.000 Menschen – über die Hälfte der damaligen Stadtbevölkerung. Der Präsident verlor dabei seine Mutter. Das Denkmal ist riesig und steht etwas außerhalb des touristischen Zentrums, entsprechend leer war es dort.

Einseitige Dokus vs. Realität: Mein Eindruck von den Straßen

Aşgabat bei Nacht: Ein buntes Lichtermeer

Bei Einbruch der Dunkelheit begann die Stadt zu leuchten. Buchstäblich jedes zweite Gebäude wird nachts bunt angestrahlt. Das Riesenrad, der Glockenturm, der Neutralitätsbogen – alles blinkend und in Farbe. Das hat schon was. Aşgabat bei Nacht ist absurd und beeindruckend gleichzeitig. Wir fuhren die besten Spots ab, um dieses absurde Farbspiel zu beobachten.

Ein überraschendes Gefühl von Sicherheit und mein erstes Fazit

Nachdem der Guide mich beim Hotel absetzte, ging es zum Abschluss des Tages nochmal ins Irish Pub. Nach meinem Abendessen ging es dann zurück ins Hotel. Ein letztes Bier sollte es dann noch auf meinem Balkon geben. Eine 1,5 Liter PET-Flasche von einer Turkmenischen Brauerei hatte ich noch im Kühlschrank. Ein echtes Prachtexemplar für meine Bier-App. So saß ich dann dort. Tisch, Stuhl, PET-Bier. Kerniger wird’s heut nicht.

Da saß ich nun, das letzte kalte Bier in der Hand und starrte auf dieses bunt blinkende Lichtermeer da draußen. Und während ich die Kulisse auf mich wirken ließ, ratterte es im Kopf. Mein Fazit für diese Stadt? Eine absolute Absurdität jagt die Nächste. Hier entstehen im Akkord neue, skurrile Prachtbauten und ein Ende ist absolut nicht in Sicht. Von der ursprünglichen, alten Kultur oder historischer Architektur ist praktisch nichts übrig geblieben – der aktuelle Präsident will seinen Vorgänger scheinbar in Sachen Gigantismus noch um Längen übertreffen.

Und trotzdem gibt es da diese eine Sache, die mich völlig sprachlos zurücklässt: Es fühlt sich hier so verdammt sicher an, wie an kaum einem anderen Ort auf dieser Welt. Im Bavaria Pub hatte ich gestern meine Kamera einfach offen auf dem Tisch liegen lassen, um aufs Klo zu gehen. Keine Sekunde Bedenken, kein mulmiges Gefühl. Ob das nun daran liegt, dass die Menschen hier von Grund auf friedlich sind, oder ob die nackte Angst vor den drakonischen Konsequenzen des Überwachungsstaates jegliche Kriminalität im Keim erstickt – schwer zu sagen. Am Ende ist es wahrscheinlich eine Mischung aus beidem.

Was bleibt also hängen? Ich habe in den letzten Jahren wirklich viele verrückte Ecken bereist, aber es gab schon lange keinen Ort mehr, der meine Erwartungen und Vorurteile so dermaßen gründlich auf den Kopf gestellt hat, wie Aşgabat. Mit diesen Eindrücken und 1,5 Liter PET-Bier intus, welches sogar wirklich gut schmeckte, ging es dann ins Bett.