
Von Aşgabat nach Xiva: Durch die Karakum Wüste zum Tor zur Hölle
Marmorpaläste im Rückspiegel und der absolute Ausnahmezustand voraus: Von Aşgabat ging es mitten durch die Einsamkeit der Karakum Wüste zum legendären Tor zur Hölle. Eine unvergessliche Nacht, mutterseelenallein am brennenden Gaskrater von Derweze unter der Milchstraße. Über eine der skurrilsten Grenzen der Welt ging es am nächsten Tag direkt weiter nach Usbekistan, wo mit der 2.500 Jahre alten Oasenstadt Xiva eine Kulisse wie aus Tausendundeiner Nacht wartete.
Vom glühenden Feuerschlund über orientalische Mosaike bis hin zum 40-Stunden-Rückreise-Chaos und meinem ungeschönten Zentralasien-Fazit – klick dich hier direkt in die finalen Etappen:



Montag 13.10. – Tag 9
Das Tor zur Hölle – Allein am brennenden Schlund der Karakum-Wüste
Nach dem gestrigen Wahnsinn in Aşgabat, der Nacht auf dem Balkon mit der PET-Pulle Bier und den blinkenden Lichtern der Stadt – durfte es heute morgen ausnahmsweise mal wieder etwas ruhiger angehen. Kein Guide, kein Programm, kein Wecker um fünf.
Frühstück im Hotel, das mittlerweile doch sehr in die Jahre gekommen war. Man sah es dem Ort an, dass er früher mal richtig was gewesen sein musste – die Art von Hotel, die in sowjetischen Zeiten wohl als Luxus galt und seitdem nicht mehr wirklich angefasst wurde. Altbacken trifft es ganz gut.
Der Plan für den Vormittag: der Wedding Palace. Eines der kuriosesten Gebäude, die diese ohnehin kuriositätenreiche Stadt zu bieten hat. Das Ding thront wie ein Alien-Raumschiff über der Stadt – ein riesiges Bauwerk in Form eines Sterns. Turkmenistan baut halt keine normalen Häuser, das weiß man mittlerweile.
Vor dem Hotel nahm ich ein Taxi. Der Taxifahrer sprach weder Englisch noch Deutsch – aber das hatte ich schon bei meinem Guide gemerkt, dass man hier auch ohne gemeinsame Sprache irgendwie zurechtkommt.














Von hier oben hatte man, trotz des heftigen Smogs, einen sehr geilen Blick über die Stadt. Nach einigen Fotos ging es dann weiter.














Mein Fahrer stoppte noch an einem Platz, welchen ich vorab garnicht auf dem Schirm hatte. Eine LED-Tafel zeigte den Präsidenten, welcher über den Platz wachte. Sowas konnte ich mir und meiner Kamera natürlich nicht entgehen lassen.






Mein Fahrer verstand trotz der Sprachbarriere offensichtlich, welche Art von Fahrt ich mir wünschte. Wir drehten also unsere Runden durch die weiße Stadt und nach ungefähr eineinhalb Stunden mit meinem sehr geduldigen Taxifahrer kamen wir wieder an meinem Hotel an. Ich hatte etwas das Gefühl, er hätte mir die Stadt am liebsten noch persönlich vorgestellt. Anderthalb Stunden Fahrt, 15 Euro. Beim Abschied gab es eine Umarmung. So läuft das hier.




















Nachdem ich wieder am Hotel war, ging es nochmal kurz in den Irish Pub, welcher mittlerweile mein verlässlichstes Restaurant in Aşgabat war und dann noch ein letzter Einkaufsstopp am Basar für die bevorstehende Fahrt. Check-out. Tasche runter und in der Lobby wartete bereits der neue Fahrer.
Er sprach kein Englisch, das hatte ich so gebucht, da es günstiger war. Macht man halt zur Not Zeichensprache, dachte ich mir.
Und dann begann eine der eindrücklichsten Fahrten der gesamten Reise, auch wenn das zu dem Zeitpunkt noch nicht klar war.
Kaum aus Aşgabat raus, war es vorbei mit allem. Keine Häuser, keine Menschen, keine Ablenkung. Nur Wüste. Kilometerweit. Die Straße zog sich schnurgerade durch das Nichts und man fragte sich ernsthaft, für wen hier eigentlich alle paar hundert Meter eine Bushaltestelle gebaut wurde. Da sind keine Häuser. Da ist nichts. Und trotzdem stehen diese kleinen Häuschen da, ordentlich und gepflegt, als würden täglich Leute ein- und aussteigen.




















Die Kulisse wurde mit jedem Kilometer einsamer. Irgendwann durchquerten wir einen Salzsee, mitten in der Wüste, auf einer schmalen Straße, die schnurgerade mitten durch das Waser führte. Kurz darauf mussten wir abbremsen, weil eine Gruppe Kamele seelenruhig mitten auf der Fahrbahn stand, während im Hintergrund die Sanddünen immer mächtiger wurden. Mitten in diesem absoluten Nirgendwo tauchte dann plötzlich eine Tankstelle mit einem kleinen Café, einem riesigen Wachhund und einem Hühnerstall im Hinterhof auf. Ich nutzte den Stopp, deckte mich mit ein paar Bier ein, setzte mich hinten in den staubigen Hof und guckte beim Trinken einfach nur raus auf die Wüste. Ein surrealer Moment. Und dann ging die Fahrt auch schon weiter.




























Ein kleines, komplett abgeranztes Dorf tauchte auf. Der Guide bog ab, um mir das echte, ungeschönte Leben der Turkmenen zu zeigen. Jedes Haus hatte Kamelen im Vorgarten. Sowjet-Trucks, die sonst nirgendwo mehr fahren. Kinder in Schuluniformen, die neugierig guckten, aber sichtlich nicht wussten, wie sie mit einem Touristen umgehen sollen, vermutlich, weil sie noch keinen gesehen hatten. Motorradfahrer, die sich bis auf die Augen vermummt hatten, gegen den allgegenwärtigen Sand.




























Abschied vom Marmor und Aufbruch ins absolute Nichts
Kamele im Vorgarten und die Piste quer durch die Dünen
Und dann, nach einer Weile, tauschte die Straße halbwegs ordentlichen Asphalt gegen immer schlechtere Pisten, bis irgendwann gar kein Asphalt mehr übrig war und es einfach querfeldein über die Dünen ging.






Das Tor zur Hölle: 50 Jahre Dauerfeuer
Und dann sah man ihn.
Den Krater. Das „Tor zur Hölle", oder auf Turkmenisch Derweze, ein riesiges, brennendes Loch in der Erde mitten in der Karakum-Wüste. Der Krater entstand 1971, als sowjetische Geologen auf eine Erdgashöhle stießen und der Boden einbrach. Um giftige Gase zu verbrennen, zündeten sie den Krater an, in der Annahme, er würde in wenigen Tagen erlischen. Nun brennt er seit über 50 Jahren durchgehend.
Dass er so groß sein würde, hatte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Die Anreise war so unwegsam, das Gelände so ruppig, dass man einfach nicht damit rechnet, hier plötzlich vor einem etwa 70 Meter breiten und 30 Meter tiefen Feuerschlund zu stehen. Aber da war er.
Noch im Hellen war es schon beeindruckend. Man konnte bis direkt an den Rand gehen, ohne Absperrung, ohne Geländer. Der Geruch von Gas hing in der Luft. Wer nah ran trat, merkte die Hitze sofort.










Und dann wurde es so langsam dunkel. Und der Krater wurde zu etwas anderem.
Das Orange, das vorher noch grell und klar war, wurde tiefer, wärmer und absurder. Die Flammen spiegelten sich in keinerlei Umgebung mehr, nur noch der schwarze Himmel darüber und die brennende Erde darunter. Immer mehr Touristenautos kamen an, was mich kurz überraschte, aber irgendwie auch passte: Das hier ist das einzige wirkliche Highlight des Landes und alle wissen das.












Für die Nacht gab es dann eine Jurte, fünf bis zehn Minuten fußläufig vom Krater entfernt, komplett alleine. Kein Strom, kein Internet, kein Licht außer dem roten Schimmer am Horizont, der vom Krater kam. Hier waren riesige Jurten Camps, aber wir nächtigten abseits des großen Camps. Der Fahrer hatte bereits Holzkohle entzündet und ein ordentliches Essen vorbereitet. Unter dem Tisch waren ein Igel und eine Katze, die sich gegenseitig das Essen klauten.
















Nach dem Abendessen ging ich dann alleine zurück zum Krater. Kein Guide, kein Fahrer, einfach zu Fuß runter in die Nacht.
Zuerst ging ich auf einen kleinen Berg oberhalb. Von hier aus hatte man den kompletten Überblick über die Umgebung. So viele Sterne. Kein Mond, keine Lichtverschmutzung, nur das Feuer als einzige Lichtquelle weit und breit.










Dann ging es runter zum Kraterrand. Dort war ich komplett alleine.
Einfach dasitzen und in die Flammen gucken. Keine großen Gedanken. Kein Foto-Stress. Einfach diesen Moment nehmen wie er ist. Über drei Stunden blieb ich dort.
Irgendwann, als ich schon lange alleine war, huschte im Augenwinkel etwas vorbei. Ich machte meinen Handy Blitz an und blickte in zwei Augen, die in der Dunkelheit reflektieren. Ein Fuchs. Direkt am Tor zur Hölle. Das war schon eine Szene.
















Zurück im Camp versuchte ich mich das erste Mal mit meiner neuen Kamera an Sternenfotografie. Erster Versuch und die Milchstraße war halbwegs drauf. Besser als erwartet.
Dann ging es zurück in die Jurte. Es war nicht so kalt wie befürchtet. Komfort ist was anderes, aber was braucht man hier schon.








Allein am Kraterrand – Drei Stunden starren in die Flammen


Um 7 Uhr klingelte der Wecker. Draußen war es frisch und der erste Tee des Tages tat seinen Dienst, ehe es noch einmal runter zum Krater ging. Der Fahrer wollte mich in einer Stunde dort abholen, was bedeutete: eine Stunde ganz alleine am Darvaza-Krater, ohne Touristenmassen, ohne Erklärungen, ohne irgendetwas. Nur Kamele im Hintergrund und ein brennendes Loch in der Erde.
Wer sich übrigens je gefragt hat, was passiert, wenn man in den Krater pinkelt: nichts Dramatisches. Den Krater juckt das nicht.
Tschüss Turkmenistan: Der Roadtrip über die Grenze nach Usbekistan
Dienstag, 14.10. - Tag 10
















Als der Fahrer mich dann einsammelte, erzählte er mir dann etwas, was mich ein bisschen nachdenklich machte. Der Krater wird von Jahr zu Jahr schwächer. Vor einigen Jahrzehnten soll er zehnmal intensiver gebrannt haben als heute. Irgendwann wird er einfach ausgehen. Ob das in zehn Jahren ist, oder in hundert, weiß niemand genau. Es war jedenfalls einer dieser Momente, wo man froh war, noch zur richtigen Zeit hier gewesen zu sein. In einigen Jahren erzählt man sich womöglich nur noch davon, wie es einst ein Tor zur Hölle in Turkmenistans Wüste gab.
Nach der Abholung ging es dann weiter Richtung usbekische Grenze. Auf halber Strecke hatte das zweite Begleitfahrzeug des Anbieters eine Reifenpanne, was eine kurze Pause erzwang. Kein Drama, schnell gewechselt, weiter ging es.
















Der Fahrer liebte elektronische Musik, und zwar auf einem Lautstärkegrad, der keinerlei Diskussion duldet. Auf der Hinfahrt war er DJ, jetzt war ich dran. Er ging dabei so dermaßen auf die Mucke ab, dass er zwischendurch einfach von der Straße abbog und über Sanddünen bretterte, weil es ihm offensichtlich mehr Spaß machte, als auf der Straße zu bleiben. Irgendwann hatte der andere Wagen seinen zweiten Platten des Tages, was unsere Kolonne erneut kurz stoppte. Dann musste getankt werden. 33 Liter Sprit für umgerechnet insgesamt 2,50 Euro. Absolute Weltklasse. Das zahlt man in Deutschland fast schon für einen Liter.












Die Stadt Daşoguz, kurz vor der Grenze zu Usbekistan, war überraschend groß. Schulschluss. Kinder in Uniformen strömten aus den Gebäuden, überall hingen Werbeschilder mit den üblichen turkmenischen Prachtbauten, die turkmenische Staatsmedien so gerne zeigen. Man kommt gar nicht drumherum, sich zu fragen, was die Leute hier wirklich darüber denken, wenn die Kameras weg sind.






















Techno, Dünen-Rallye und 33 Liter Sprit für 2,50 Euro


















Mit dem 25-Cent-Bus durchs Niemandsland nach Usbekistan
An der Grenze war dann deutlich mehr Betrieb, als noch in Kasachstan. Trotzdem: Als einziger Tourist durfte ich, nachdem ich mich bei meinem Fahrer verabschiedete, als Erster durch. Keine großen Fragen, kein Theater, nur eine etwas skurrile Zwischenfrage gab es, ob ich einen Teppich dabei hätte. Nein. Dann durch.
Was dann kam, hatte ich so nicht erwartet. Zwischen der turkmenischen Ausreise und der usbekischen Einreise liegt ein Stück Niemandsland, das man nicht zu Fuß passieren darf. Stattdessen gibt es einen klapprigen, alten Bus für 5 Manat, also umgerechnet etwa 25 Cent, der einen in aller Gemütlichkeit zwischen den Wachtürmen und den beiden Grenzflüssen rüber bringt. Nur eine Handvoll Leute saßen drin, der Bus ruckelte los und einige Minuten später war ich in Usbekistan.
Die Einreise selbst war vollkommen unkompliziert, keine Fragen, kein Aufwand. Willkommen in Usbekistan. Vor der Grenze standen die üblichen Taxifahrer und ohne große Diskussionen einigte ich mich auf 20 Dollar für anderthalb Stunden fahrt bis nach Xiva.
Die Fahrt ging auch hier vorbei an sowjetischen Autos, Häusern bei 30 Grad und rundherum sonst eigentlich nichts, was darauf hindeutet, dass gleich eine mittelalterliche Altstadt auftaucht.


















Ankunft in Xiva: Kamera aus, Kopf aus
Vier Kilometer vor Xiva dann dachte ich noch, dass das doch nichts werden kann hier. Und dann war sie auf einmal da.
Zuerst sah man die Minarette, dann die Stadtmauer und dann fuhren wir tatsächlich durch ein Tor direkt in die Altstadt hinein. Enge Gassen, lehmfarbene Wände, Mosaike an allen Ecken. Es sah aus wie in einem Museum, nur dass hier tatsächlich noch Menschen wohnen. Mit über 2.500 Jahren Stadtgeschichte gehört Xiva zu den ältesten kontinuierlich bewohnten Städten Zentralasiens und das merkt man an jeder Ecke.
Im süßen Hotel musste ich die Schuhe ausziehen. Kinder begrüßten mich hinter der Rezeption. Das Zimmer war schön. Aber ich hatte keine Zeit zum Einleben, es ging direkt los. Meine Kamera blieb heute erstmal im Zimmer. Ich wollte einfach mal abschalten ohne Foto Stress.
Das erste Restaurant, das ich fand, hatte eine Dachterrasse mit Blick über die gesamte Altstadt. Ich saß dort, bestellte was zu essen und ein usbekisches Bier und schaute zu, wie die Sonne über den Minaretten verschwand. Nach Kasachstan, der Steppe, dem Krater, der Grenze, Turkmenistan und allem was dazwischen lag, war das hier irgendwie das erste Mal auf dieser Reise, wo man einfach nur still sitzt und denkt: okay, das ist schon ziemlich verrückt.
Danach bin ich dann noch etwas durch die kleinen Gassen geschlendert. Souvenirhändler, ein paar Bars, Touristen hier und da und auf einem Rooftop gab es dann noch ein weiteres Bier bei beleuchtetem Blick auf die Stadtmauer. Für heute war das mehr als genug. Ich wollte hier heute einfach nur ankommen und hatte mir für morgen das Sightseeing Programm aufgehoben. So ging es dann zeitig ins Bett.
Die Bilder der verrückten Stadt gibt es dann im morgigen Text zur genüge.









Zwischen Massentourismus und Filmset: Mein Tag in der Märchenstadt Xiva
Mittwoch, 15.10. - Tag 11
Nach dem Frühstück, welches ein kleines Kind im Schlafanzug servierte, während es gleichzeitig seelenruhig eine Kinderserie schaute und nebenbei alles managte, weil der alte Mann an der Rezeption kein Englisch sprach, ging es raus in die Stadt.
Schönes Wetter, gute Stimmung. Und dann stand man da.
Was für eine Stadt.
Xiva ist eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Altstädte Zentralasiens. Die Innenstadt, auch Itchan Kala genannt, ist seit 1990 UNESCO-Weltkulturerbe und besteht im Wesentlichen noch so, wie vor mehreren hundert Jahren. Lehmfarbene Mauern, Minaretten und Moscheen. Alles innerhalb einer alten Stadtmauer, die die ganze Anlage einschließt. Wer sich fragt, wie die Städte Samarkand oder Buchara vor der Sowjetzeit ausgesehen haben mögen, bekommt hier eine ziemlich gute Antwort.












































Das Problem: Man war nicht alleine hier.
Touristengruppen, so weit das Auge reicht. Riesige Reisebusse, geführte Pulks mit Regenschirmen in der Luft. Das ist natürlich der Preis, den man zahlt, wenn ein Ort so gut erhalten und gleichzeitig so zugänglich ist. Man muss sich damit abfinden, oder früh aufstehen. Ich hatte leider beides nicht wirklich hinbekommen. Xiva ist einer der touristischsten Städte Usbekistans und das merkte man hier an jeder Ecke.
Trotzdem ließ sich das hier nicht wirklich kaputtmachen. An jeder Ecke spielten Musiker, orientalische Mosaike bedeckten die Wände der Moscheen und Medersen und alles zusammen hatte dieses surreale "Bin ich gerade in einem Museum oder ist das wirklich noch bewohnt?" Gefühl. Die Antwort ist: beides irgendwie.
Der ganz normale Wahnsinn in den Gassen von Itchan-Kala
























Eine der Minaretten ließ sich besteigen. Eine sehr enge Wendeltreppe, die einen ganz schön ins Schwitzen bringt und oben dann dieser Blick über die Dächer der Altstadt. Schon beeindruckend.












Wieder unten angekommen, entdeckte ich etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: ein Filmset. Die halbe Altstadt war in Beschlag genommen von einer Filmproduktion. Schauspieler in mittelalterlichen, zentralasiatischen Kostümen, der Boden mit Stroh bedeckt, Kinder in zerrissenen Lumpen, geschminkt, Statisten wohin man schaute. Das Ganze hatte eine fast unwirkliche Qualität, weil der Unterschied zwischen Kulisse und echter Altstadt fließend war. Ich stand da und hatte kurz echte Schwierigkeiten zu entscheiden, was jetzt inszeniert ist und was einfach immer so da ist.
Kulisse oder Realität? Mittendrin im zentralasiatischen Mittelalter






















Nach dem Mittagessen auf einer Dachterrasse mit gutem Blick über das ganze Treiben, ging es auf eine Aussichtsplattform, welche Teil der Stadtmauer war, von der man die Stadt nochmal aus anderer Perspektive sehen konnte. Komplett leer da oben, was nach dem Trubel unten eine angenehme Abwechslung war.
















































Am späten Nachmittag saß ich dann einfach auf einer weiteren Dachterrasse und wartete auf den Sonnenuntergang. Manchmal ist das die beste Aktivität. Die beleuchtete Stadtmauer bei Dämmerung war nochmal eine andere Sache, als alles, was man tagsüber gesehen hatte.










































Danach gab es dann noch einen letzten Gang durch die beleuchteten und belebten Gassen und nochmal das Gefühl, dass man irgendwo zwischen Gegenwart und einem anderen Jahrhundert und Tausend und einer Nacht unterwegs ist.
Dann ging es zurück zum Hotel. Der Flug ging sehr früh morgens und die Zeit war zu knapp, um sich nochmal schlafen zu legen. Ohne Schlaf ging es also dann direkt ins Taxi Richtung Flughafen und damit endete eine Reise, die so ziemlich jede Erwartung übertroffen hat.


























Dachterrassen-Hopping und die Magie der Dämmerung

Die Rückreise und mein ehrliches Resümee nach 12 Tagen Zentralasien
Mittwoch 16.10. – Tag 12
Am Flughafen selbst war es ziemlich voll, aber das einchecken etc ging trotzdem relativ zeitig vonstatten. Die Ausreise aus Usbekistan lief dann ebenfalls unkompliziert ab. Müde ohne Ende saß ich dann in einem erstaunlich geräumigen Flugzeug in Richtung Baku und nutzte die Flugzeit für das, was ich in den letzten Tagen viel zu selten bekommen hatte: Schlaf. Den kompletten Flug durchgeschlafen, kein Aufwachen, nichts. In Baku gab es dann den Transit und auch dort wurde die Wartezeit auf einer der Bänke im Terminal horizontal verbracht.
Ganz früh morgens ging der Weiterflug nach Istanbul. Beim Einsteigen war ich dann doch kurz wach genug, um festzustellen, dass ich hier direkt in eine riesige Langstreckenmaschine gewechselt war. Komplett null auf dem Schirm gehabt. Wieder wurde die Zeit auf dem Flug für Schlaf genutzt, bis irgendwann das Kabinenpersonal mit Essen vorbeikam. Warme Wurst mit Kartoffeln, dazu ein Brötchen mit Aufschnitt. Und ich sage es ohne jede Ironie: das war das beste Frühstück des gesamten Urlaubs. Nach Tagen mit Kaviar zum Frühstück, Einheitsbrei in Jurten und turkmenischen Geheimrezepten hatte ein schlichtes Flugzeugessen aus dem Trolley seinen großen Auftritt.
Landung Istanbul. Die Einreise lief entspannt durch, was nach Kasachstan und Turkmenistan mit ihren nervigen Grenzkontrollorgien fast enttäuschend normal wirkte. Das Problem war jetzt ein anderes: von IST nach Sabiha Gökçen zu kommen, also vom europäischen auf den asiatischen Flughafen, das ist in Istanbul eine Wissenschaft für sich. Günstig und schnell geht da schlicht nicht. Also wurde es der Bus. Zwei Stunden vom einen zum anderen Flughafen sollte die Fahrt dauern. Die Unfähigkeit der Leute dort, irgendeinen brauchbaren Transferservice zu organisieren, war bemerkenswert. Der Bus brauchte dann immerhin überraschend nur eine Stunde, statt der angekündigten zwei, was den Gesamtschaden etwas begrenzte.
Am Flughafen Sabiha Gökçen angekommen, nahm ich ein Taxi zu einem kurzerhand gebuchten Hotel. Vorher hatte ich den Taxifahrer extra gefragt, ob Dollarzahlung möglich ist und einen Festpreis von fünf Dollar ausgemacht. Was dann natürlich passierte, als wir ankamen: der Fahrer wollte plötzlich zehn. Sowas hatte ich auf der gesamten Tour nicht ein einziges Mal erlebt. Nicht in Kasachstan, nicht in Turkmenistan, nicht in Usbekistan. Und ausgerechnet in der Türkei, fängt der mit dem ältesten Taxifahrertrick der Welt an. Ich hab den so zusammengefaltet, Tür zugeknallt und bin gegangen. Fünf Dollar. Kein Cent mehr. Nach dem Schlafmangel und dem ganzen Stress der letzten Tage, hatte ich da wirklich keinen Nerv mehr für solche Spielchen.
Das Hotel hatte ich bewusst direkt am Flughafen gebucht, weil die Idee, in die Stadt zu fahren, stundenlang Transit zu spielen und dann wieder zum Flughafen, bei meinem aktuellen körperlichen Zustand in dem ich war, schlicht keine Option war. Die Tour lag mir komplett in den Knochen. Drei Stunden Schlaf im Bett gab es also und es war eine Wohltat, wie ich sie selten gespürt hatte. Danach ging es mit dem Uber zum Flughafen, noch schnell was gegessen und schließlich in den letzten Flieger.
Mittwoch früh um 8:20 Uhr war ich in Xiva aufgewacht. Freitag um 0:40 Uhr landete ich in Köln. Für 160€ return kann man das aber mal auf sich nehmen. Mal sehen, ob ich sowas in zehn Jahren noch immer schaffe.




Die Abrechnung: 12 Tage Kasachstan, Turkmenistan & Usbekistan
Den Flug selbst hatte ich komplett verschlafen und auch in Istanbul war ich zu fertig um groß nachzudenken. Also blieb die Bilanz dieser Reise für die Autofahrt nach Hause liegen. Müde, aber mit klarem Kopf saß ich also im Auto, ließ die Lichter der Autobahn an mir vorbeiziehen und ließ die letzten 12 Tage nochmal Revue passieren.
10 von 10. Das war mein erster Gedanke auf der Fahrt nach Hause und daran hat sich nichts geändert.
Kasachstan, Turkmenistan, Usbekistan. Drei Länder, die auf den meisten Landkarten von Reisenden schlicht nicht existieren und die genau deshalb so reizvoll sind. Über 60 Länder im Gepäck und trotzdem hat mich diese Tour immer wieder aus dem Takt gebracht, auf eine Art, die ich so kaum erwartet hätte.
Kasachstan eröffnete die Tour mit einer Landschaft, die einem schlicht den Atem verschlägt. Das Tal von Mangystau ist nicht für Jedermann zugänglich und das merkt man. Karge, endlose Steppe und dann auf einmal diese Türme, diese Klippen, diese Farben. Komplett alleine, nur ich, der Guide und sein sowjetischer Übersetzungskasten. Wer braucht schon Sprache, wenn die Landschaft so laut ist.
Turkmenistan war dann nochmal eine ganz andere Liga. Ein Land, das einen gleichzeitig mulmig macht und einen nicht mehr loslässt. Aşgabat ist schlicht surreal. Was ich durch Dokumentationen und Berichte vorab im Kopf hatte, konnte teilweise widerlegt werden. Teilweise wird man aber wohl niemals durch dieses absurde Land so ganz durchblicken. Was ich aber mitnehmen kann: Keine Kriminalität, geile Pubs, günstigstes Bier meines Lebens, ein Präsident, der seine Stadt in Marmor ertränkt, während der Rest des Landes davon nichts abbekommt. Und dann das Tor zur Hölle. Stundenlang alleine vor diesem brennenden Krater gesessen, Sterne über mir, ein Fuchs neben mir, das Feuer unter mir. Das sind die Momente, wofür man reist.
Der einzige echte Wermutstropfen dieser Tour ist Usbekistan und das ist kein Vorwurf an das Land, sondern an mich. Xiva und Usbekistan hätten deutlich mehr Zeit verdient. Was für eine Stadt. Was für eine Atmosphäre. Das ist einer dieser seltenen Orte, wo man aus dem Auto steigt und sich fragt, ob man gerade auf einem Filmset gelandet ist. Diese Ecke der Erde wird definitiv in den nächsten Jahren erneut angesteuert, dann mit etwas mehr Zeit.
Was aber auch zur Wahrheit gehört: Was diese Tour für mich teuer machte ist, dass ich alles alleine bezahlen musste. Fahrer, Guides, Touren, Unterkünfte: alles geht auf eine Karte. Das relativiert manch günstigen Eindruck, zumal Turkmenistan durch den obligatorischen Guide per se nicht billig ist. Wer aber die Wahl hat und das Budget mitbringt, dem sei gesagt: jeden Cent wert. Das nächste mal mit ein paar mehr Leuten hier hin und dann sieht das finanziell auch direkt besser aus.
Selten hat mich eine Tour so gefordert und belohnt, wie diese. Nicht durch Komfort, nicht durch bekannte Highlights, sondern durch die schiere Absurdität, die Einsamkeit und die Momente, die man einfach nicht kaufen kann.
Lust auf das ganze Abenteuer?
Wenn du die komplette Route, alle Berichte von Tag 1 an und die Highlights noch einmal nachlesen willst, findest du hier die gesamte Übersicht:


