
Montag 13.10. – Tag 9
Das Tor zur Hölle – Allein am brennenden Schlund der Karakum-Wüste
Nach dem gestrigen Wahnsinn, der Nacht auf dem Balkon mit der PET-Pulle Bier und den blinkenden Lichtern der Stadt – durfte es heute morgen ausnahmsweise mal wieder etwas ruhiger angehen. Kein Guide, kein Programm, kein Wecker um fünf.
Frühstück im Hotel, das mittlerweile doch sehr in die Jahre gekommen war. Man sah es dem Ort an, dass er früher mal richtig was gewesen sein musste – die Art von Hotel, die in sowjetischen Zeiten wohl als Luxus galt und seitdem nicht mehr wirklich angefasst wurde. Altbacken trifft es ganz gut.
Der Plan für den Vormittag: der Wedding Palace. Eines der kuriosesten Gebäude, die diese ohnehin kuriositätenreiche Stadt zu bieten hat. Das Ding thront wie ein Alien-Raumschiff über der Stadt – ein riesiges Bauwerk in Form eines Sterns. Turkmenistan baut halt keine normalen Häuser, das weiß man mittlerweile.
Vor dem Hotel nahm ich ein Taxi. Der Taxifahrer sprach weder Englisch noch Deutsch – aber das hatte ich schon bei meinem Guide gemerkt, dass man hier auch ohne gemeinsame Sprache irgendwie zurechtkommt.














Von hier oben hatte man, trotz des heftigen Smogs, einen sehr geilen Blick über die Stadt. Nach einigen Fotos ging es dann weiter.














Mein Fahrer stoppte noch an einem Platz, welchen ich vorab garnicht auf dem Schirm hatte. Eine LED-Tafel zeigte den Präsidenten, welcher über den Platz wachte. Sowas konnte ich mir und meiner Kamera natürlich nicht entgehen lassen.






Mein Fahrer verstand trotz der Sprachbarriere offensichtlich, welche Art von Fahrt ich mir wünschte. Wir drehten also unsere Runden durch die weiße Stadt und nach ungefähr eineinhalb Stunden mit meinem sehr geduldigen Taxifahrer kamen wir wieder an meinem Hotel an. Ich hatte etwas das Gefühl, er hätte mir die Stadt am liebsten noch persönlich vorgestellt. Anderthalb Stunden Fahrt, 15 Euro. Beim Abschied gab es eine Umarmung. So läuft das hier.




















Nachdem ich wieder am Hotel war, ging es nochmal kurz in den Irish Pub, welcher mittlerweile mein verlässlichstes Restaurant in Aşgabat war und dann noch ein letzter Einkaufsstopp am Basar für die bevorstehende Fahrt. Check-out. Tasche runter und in der Lobby wartete bereits der neue Fahrer.
Er sprach kein Englisch, das hatte ich so gebucht, da es günstiger war. Macht man halt zur Not Zeichensprache, dachte ich mir.
Und dann begann eine der eindrücklichsten Fahrten der gesamten Reise, auch wenn das zu dem Zeitpunkt noch nicht klar war.
Kaum aus Aşgabat raus, war es vorbei mit allem. Keine Häuser, keine Menschen, keine Ablenkung. Nur Wüste. Kilometerweit. Die Straße zog sich schnurgerade durch das Nichts und man fragte sich ernsthaft, für wen hier eigentlich alle paar hundert Meter eine Bushaltestelle gebaut wurde. Da sind keine Häuser. Da ist nichts. Und trotzdem stehen diese kleinen Häuschen da, ordentlich und gepflegt, als würden täglich Leute ein- und aussteigen.




















Die Kulisse wurde mit jedem Kilometer einsamer. Irgendwann durchquerten wir einen Salzsee, mitten in der Wüste, auf einer schmalen Straße, die schnurgerade mitten durch das Waser führte. Kurz darauf mussten wir abbremsen, weil eine Gruppe Kamele seelenruhig mitten auf der Fahrbahn stand, während im Hintergrund die Sanddünen immer mächtiger wurden. Mitten in diesem absoluten Nirgendwo tauchte dann plötzlich eine Tankstelle mit einem kleinen Café, einem riesigen Wachhund und einem Hühnerstall im Hinterhof auf. Ich nutzte den Stopp, deckte mich mit ein paar Bier ein, setzte mich hinten in den staubigen Hof und guckte beim Trinken einfach nur raus auf die Wüste. Ein surrealer Moment. Und dann ging die Fahrt auch schon weiter.




























Ein kleines, komplett abgeranztes Dorf tauchte auf. Der Guide bog ab, um mir das echte, ungeschönte Leben der Turkmenen zu zeigen. Jedes Haus hatte Kamelen im Vorgarten. Sowjet-Trucks, die sonst nirgendwo mehr fahren. Kinder in Schuluniformen, die neugierig guckten, aber sichtlich nicht wussten, wie sie mit einem Touristen umgehen sollen, vermutlich, weil sie noch keinen gesehen hatten. Motorradfahrer, die sich bis auf die Augen vermummt hatten, gegen den allgegenwärtigen Sand.




























Abschied vom Marmor und Aufbruch ins absolute Nichts
Kamele im Vorgarten und die Piste quer durch die Dünen
Und dann, nach einer Weile, tauschte die Straße halbwegs ordentlichen Asphalt gegen immer schlechtere Pisten, bis irgendwann gar kein Asphalt mehr übrig war und es einfach querfeldein über die Dünen ging.






Das Tor zur Hölle: 50 Jahre Dauerfeuer
Und dann sah man ihn.
Den Krater. Das „Tor zur Hölle", oder auf Turkmenisch Derweze, ein riesiges, brennendes Loch in der Erde mitten in der Karakum-Wüste. Der Krater entstand 1971, als sowjetische Geologen auf eine Erdgashöhle stießen und der Boden einbrach. Um giftige Gase zu verbrennen, zündeten sie den Krater an, in der Annahme, er würde in wenigen Tagen erlischen. Nun brennt er seit über 50 Jahren durchgehend.
Dass er so groß sein würde, hatte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Die Anreise war so unwegsam, das Gelände so ruppig, dass man einfach nicht damit rechnet, hier plötzlich vor einem etwa 70 Meter breiten und 30 Meter tiefen Feuerschlund zu stehen. Aber da war er.
Noch im Hellen war es schon beeindruckend. Man konnte bis direkt an den Rand gehen, ohne Absperrung, ohne Geländer. Der Geruch von Gas hing in der Luft. Wer nah ran trat, merkte die Hitze sofort.










Und dann wurde es so langsam dunkel. Und der Krater wurde zu etwas anderem.
Das Orange, das vorher noch grell und klar war, wurde tiefer, wärmer und absurder. Die Flammen spiegelten sich in keinerlei Umgebung mehr, nur noch der schwarze Himmel darüber und die brennende Erde darunter. Immer mehr Touristenautos kamen an, was mich kurz überraschte, aber irgendwie auch passte: Das hier ist das einzige wirkliche Highlight des Landes und alle wissen das.












Für die Nacht gab es dann eine Jurte, fünf bis zehn Minuten fußläufig vom Krater entfernt, komplett alleine. Kein Strom, kein Internet, kein Licht außer dem roten Schimmer am Horizont, der vom Krater kam. Hier waren riesige Jurten Camps, aber wir nächtigten abseits des großen Camps. Der Fahrer hatte bereits Holzkohle entzündet und ein ordentliches Essen vorbereitet. Unter dem Tisch waren ein Igel und eine Katze, die sich gegenseitig das Essen klauten.
















Nach dem Abendessen ging ich dann alleine zurück zum Krater. Kein Guide, kein Fahrer, einfach zu Fuß runter in die Nacht.
Zuerst ging ich auf einen kleinen Berg oberhalb. Von hier aus hatte man den kompletten Überblick über die Umgebung. So viele Sterne. Kein Mond, keine Lichtverschmutzung, nur das Feuer als einzige Lichtquelle weit und breit.










Dann ging es runter zum Kraterrand. Dort war ich komplett alleine.
Einfach dasitzen und in die Flammen gucken. Keine großen Gedanken. Kein Foto-Stress. Einfach diesen Moment nehmen wie er ist. Über drei Stunden blieb ich dort.
Irgendwann, als ich schon lange alleine war, huschte im Augenwinkel etwas vorbei. Ich machte meinen Handy Blitz an und blickte in zwei Augen, die in der Dunkelheit reflektieren. Ein Fuchs. Direkt am Tor zur Hölle. Das war schon eine Szene.
















Zurück im Camp versuchte ich mich das erste Mal mit meiner neuen Kamera an Sternenfotografie. Erster Versuch und die Milchstraße war halbwegs drauf. Besser als erwartet.
Dann ging es zurück in die Jurte. Es war nicht so kalt wie befürchtet. Komfort ist was anderes, aber was braucht man hier schon.








