Surreale Weite: Unterwegs in Westkasachstans unwirklicher Steppe

Sonntag, 08.10. - Tag 4

Gegen 8 Uhr klingelte der Wecker und kurze Zeit später stand mein Guide für die nächsten Tage bereits vor dem Hotel.

Was mich dort erwartete, ließ mich direkt schmunzeln.

Ein fetter Toyota Land Cruiser 4x4 stand vor der Tür. Perfekt. Denn dass wir heute kein normales Straßenprogramm vor uns hatten, war mir bereits klar.

So ging es also raus aus der Stadt. Aktau liegt mitten in einer der ölreichsten Regionen der Welt und das sieht man hier auf Schritt und Tritt. Pumpen, Förderanlagen, Industrieanlagen soweit das Auge reicht.

Je weiter wir aus der Stadt raus kamen, desto flacher und staubiger wurde es.

Die kasachische Steppe ist wirklich so eine Sache für sich. Karge, endlose Weite. Einfach nichts außer Staub, Himmel und ab und zu einem Kamel, welches seelenruhig am Straßenrand vor sich hin graste. Diese Kulisse hatte schon was. Diese Art von absoluter Leere hat eine ganz eigene Wirkung auf einen.

Dann kam allerdings erstmal ein unerwarteter Stopp. Tanken. Klingt banal. War es nicht.

Hier in der Mangystau Region fahren gefühlt alle Autos mit LPG – also Flüssiggas. Das hat historische Gründe: die Region sitzt buchstäblich auf Öl und Gas, die subventionierten Gaspreise waren über Jahrzehnte so günstig, dass quasi alle auf LPG umgerüstet haben. Das hat in der Vergangenheit sogar schon mal für massive Probleme gesorgt: Als die Regierung 2022 die Preisdeckel auf LPG aufhob, explodierten die Preise über Nacht. Die Proteste, die daraufhin hier in Mangystau starteten, zogen sich quer durch das ganze Land und hätten fast die Regierung gekostet. Kasachstans größte Unruhen seit der Unabhängigkeit – ausgelöst durch Benzinpreise. Man merkt, dass das hier kein gewöhnliches Thema ist.

Auch an diesem Tag lief nicht alles rund.

Mein Guide erklärte mir mit seinem Übersetzungsgerät – dazu gleich mehr – dass irgendetwas mit einer Gasleitung nicht stimmt oder irgendwo ein Leck wäre. Die Zapfsäulen liefen extrem langsam oder gar nicht. Und so standen wir also in einer langen Schlange. Und warteten. Und warteten.

Gute eineinhalb Stunden.

Die Kasachen, die hinter uns standen, schienen das alles mit einer Gleichgültigkeit hinzunehmen, die mir ein gewissen Respekt abverlangte. Das scheint hier öfter mal so zu laufen.

Ach ja. Das mit dem Übersetzungsgerät.

Mein Guide spricht weder Deutsch noch Englisch. Ich spreche kein Russisch und erst recht kein Kasachisch. Wie kommunizieren wir also?

Er hat so ein kleines viereckiges Kästchen dabei. Kein Smartphone, sondern so ein eigenständiges kleines Gerät. Ich spreche rein, es übersetzt. Er spricht rein, es übersetzt. In Echtzeit. Wirklich wild das Ding. Ich hab das Handy mit Übersetzer natürlich auch schon genutzt in diversen Ländern. Da ich hier aber keine SIM Karte hatte, war das ausgeschlossen. So ein eigenständiges Gerät nur dafür hatte ich wirklich noch nirgends gesehen. In einem Land, wo Englisch schlicht keine Rolle spielt, offensichtlich ein echtes Hilfsmittel.

Nach der Tankprozedur ging es noch kurz an einem Supermarkt vorbei, wo ich mich selbstverständlich mit Bier eindeckte. Mein Guide drückte mir derweil ein Gebäck in die Hand. Gefüllt mit Fleisch und Zwiebeln. Kannte ich so ähnlich noch aus Kirgistan. War solide. Mehr aber auch nicht.

Nun ging die Fahrt weiter. Nach einer ordentlichen Weile durch die Steppe ging es dann auf Schotterpiste weiter.

Der Land Cruiser zeigte, warum er hier das Fahrzeug der Wahl ist. Die Piste war wirklich übel. Links und rechts immer noch Steppe. Kamele. Staub. Ölfelder.

Und dann.

Dann zeigte sich das Tal von Mangystau.

Ich saß auf dem Beifahrersitz und dachte mir direkt: Krass!

Vor mir tat sich plötzlich eine Landschaft auf, die ich so nicht erwartet hatte. Tiefe Schluchten, weiße Kalksteintürme, die aus dem Boden ragten, wie riesige Fangzähne. Alles in einem Cremeweiß, das in der Mittagssonne fast schmerzhaft leuchtete.

Kleiner Funfact, der das ganze nochmal in eine andere Dimension hebt: Vor rund 50 bis 60 Millionen Jahren war das hier alles Meeresboden. Der Urozean Tethys bedeckte diese Region komplett. Die weißen Kalksteinfelsen, die heute bis zu 200 Meter aus dem Boden ragen, entstanden aus Meeressedimenten, die sich über Hunderte von Millionen Jahren aufschichteten. Als sich die tektonischen Platten verschoben und das Meer zurückwich, blieb diese surreale Mondlandschaft zurück. Wind und Zeit taten den Rest.

Nach den ersten Fotos ging es weiter.

Wir hielten an einem Aussichtspunkt direkt oberhalb der Türme.

Die Drohne musste raus.

Was für Aufnahmen. Die weißen Türme von oben mit der endlosen Steppe im Hintergrund. Absoluter Wahnsinn. Ich stand da und staunte einfach nur. Manchmal ist man als Vielreisender so abgestumpft, dass man Dinge einfach abnickt. Schön. Weiter. Hier war das nicht so. Hier blieb ich einfach stehen und konnte die Landschaft nicht wirklich in Worte fassen.

Nach einigen Fotos und Drohnenaufnahmen ging es nun weiter entlang des Tals. Vorbei an diesen riesigen weißen Türmen, die man jetzt aus einer anderen Perspektive sah. Es fühlt sich an, wie durch eine außerirdische Filmkulisse zu fahren und gleichzeitig zu wissen, dass das hier echt ist.

Irgendwann hielten wir in einem Tal an. Ich dachte kurz, wir schlagen hier unser Camp auf. Aber mein Guide hatte andere Pläne.

Er zog einen Klapptisch und zwei Stühle aus dem Auto. Stellte alles mitten in die Landschaft und holte Essen raus.

Das hatte seine Frau für uns vorbereitet. Süß.

Nach der kurzen Pause ging es dann aber weiter. War also nicht unser Camp für die Nacht. Der genaue Plan, wie die Tour ablaufen würde und was genau wir am heutigen Tag machen sollten, wurde mir nicht ganz klar aus unseren kurzen Unterhaltungen per Übersetzungsgerät. Vielleicht aber auch ganz geil nicht zu wissen, was als nächstes kommt.

Wir fuhren nun also weiter durchs Tal, bis wir an einem Berg stoppten.

Mein Guide zeigte nach oben. Na dann.

Es ging zu Fuß den Berg hoch. Keine Schilder, nur ein Trampelpfad nach oben.

Als ich oben ankam, verstand ich sofort, warum wir hier hoch gegangen waren.

Wir standen oberhalb der anderen Türme.

Das war eine komplett andere Perspektive als von unten oder vom anderen Rand aus. Von hier oben sah man die Türme unter sich. Die steilen Klippen fielen direkt vor unseren Füßen in die Tiefe. Kein Geländer. Kein gar nichts. Wir waren komplett alleine hier oben. Keine anderen Touristen. Keine anderen Menschen. Nur wir, der Wind und diese absolut unglaubliche Aussicht.

Ich glaube, das war eines der krassesten Naturpanoramen, die ich bisher gesehen habe. Das hier war einfach anders als alles bisher.

Die Drohne durfte natürlich erneut nicht fehlen. Die Aufnahmen von hier oben, der Blick auf die Türme von oben, das Tal dahinter, die Steppe so weit das Auge reicht. 10 von 10.

Ich bin wirklich nicht mehr so leicht zu beeindrucken. Aber das hier hat es geschafft.

Nach einer Weile ging es wieder den Berg runter. Die Sonne war mittlerweile am Wandern und begann langsam Richtung Horizont zu sinken. Das Licht wurde weicher, das weiß der Kalksteine bekam einen goldenen Schimmer.

Dann folgte eine Fahrt, die mir nochmal einen kleinen Schweißausbruch bescherte.

Wir fuhren entlang einer Klippe. Eng am Rand. Sehr eng.

Ich ließ die Drohne fliegen, um die Fahrt zu filmen. Das war gleichzeitig eine gute und eine schlechte Idee. Gut, weil die Aufnahmen fantastisch waren. Schlecht, weil ich auf dem Display dann erst wirklich verstanden habe, wie tief es da links von uns in den Abgrund ging. Im Auto hatte ich das Ausmaß schlicht nicht kapiert. Auf dem Drohnenbildschirm wurde mir dann erst etwas mulmig.

Aber gut. Ankommen ist alles.

Wir fuhren dann weiter ins Tal, direkt auf die Türme zu. Und schließlich stoppte der Land Cruiser direkt am Fuß der Bozzhira Türme. Unser Camp für die Nacht.

Mein Guide fing an, die Zelte aufzubauen und ich lief mit einem Bier in der Hand einfach los.

Komplett alleine. Kein Mensch weit und breit. Nur ich, ein kühles Bier und diese riesigen weißen Kalksteintürme direkt vor mir im Sonnenuntergang.

Der Himmel verfärbte sich orange und pink. Das Weiß der Türme nahm diese Farben an. Es war absolut surreal.

Solche Momente sind der Grund, warum man reist.

Später gab es Abendessen vom Guide. Irgendein Eintopf, dazu eine Art Kohlroulade. Ich hatte ehrlich gesagt nichts erwartet. Und es war richtig lecker. Überraschung des Abends.

Die eigentliche Überraschung kam aber danach.

Mein Guide griff in seine Tasche und holte einige riesige Haifischzähne raus. Versteinert. Grau. Absolut riesig.

Er hatte sie hier in der Gegend gefunden. Findet er angeblich ständig.

Haifischzähne. In der kasachischen Steppe. Mitten in der Wüste.

Was aber natürlich Sinn ergibt, wenn man bedenkt, dass diese ganze Region vor 50 bis 60 Millionen Jahren tatsächlich unter Wasser lag. Wo heute Kamele durch die Steppe laufen, jagten einst Haie durch das Tethysmeer. Diese Zähne sind um die 60 Millionen Jahre alt. Man hält sie in der Hand und kommt sich so klein vor.

Dann ging es schlafen. Im eigenen Zelt. Schlafsack. Kein Strom. Kein Wasser. Kein Netz.

Direkt am Fuß von Felsen, die vor 50 Millionen Jahren noch Meeresgrund waren.

Kasachstan. Was ein Land.

Die surreale Mondlandschaft im Tal von Mangystau

Das Bozzhira-Aussichtspanorama: Wildnis pur ohne Touristen

Camping in Kasachstans Steppe: 60 Millionen Jahre alte Haifischzähne in der Wüste

Atemberaubend schimmernde Kulisse in Kasachstans Steppe - Mangystau Tag 2

Montag, 09.10. - Tag 5

Um 8 Uhr aus dem Schlafsack. Die Sonne schien bereits und der Guide hatte schon das Frühstück fertig. Wieder so eine Art Reis mit Wurst, simpel aber ordentlich. Ich habe schon deutlich schlechtere Campingküchen erlebt.

Nach dem Frühstück wurden die Zelte abgebaut und es ging weiter.

Der erste Stop des Tages war eine enge Schlucht. Ganz nett, mehr aber auch nicht. Kurze Fotos, weiter.

Was dafür auf der Weiterfahrt wieder für Bilder sorgte: Kamele. Diesmal vor weiß-gelben Kalkwänden stehend. Komplett surreal.

Der Guide hatte auf einigen Abschnitten den Fuß ordentlich auf dem Gas. Teilweise mit 100 km/h durch sandige Pisten. Hin und wieder hatte man das Gefühl, man sitzt auf einem Beifahrersitz einer Rallye und nicht in einer geführten Tagestour.

Dann kam der erste richtige Hammer des Tages.

Gora Bogte Mangystau — eine Art Insel mitten in der kargen Steppe, die in bunten Farben leuchtet. Alles drum herum staubig, grau, trocken. Und dann steht da dieser Hügel in verschiedensten Farben und leuchtet einfach so. Keine Ahnung, was man erwartet hatte, aber nicht das. Die Drohne musste sofort raus. Die Bilder sind geisteskrank. Der Kontrast macht das ganze irgendwie noch verrückter — als hätte jemand mit einem Pinsel Farbe auf eine komplett einfarbige Welt gekleckert.

Danach ging es zum nächsten Spot.

Tiramisu Hill — Kyzylkup. Der Name kommt nicht von ungefähr. Man steht buchstäblich in einem Berghang, der aussieht wie ein aufgeschnittenes Tiramisu. Schicht auf Schicht auf Schicht. Rot, Weiß, Braun, Beige, alles aufgetürmt wie ein geologischer Kuchen. Die Farbschichten verdanken ihre Farben laut Guide verschiedenen Mineralienablagerungen, die sich über Jahrmillionen hier auf dem Boden des urzeitlichen Ozeans abgesetzt haben. Drohne erneut raus, Bilder erneut geil.

Die Tour war vorab echt ordentlich teuer und da ich komplett alleine war, konnte man diese Kosten auch nicht teilen.

An dieser Tour zu zweifeln, war aber komplett unbegründet — absolut jeden Cent wert.

So langsam sollte es dann auf den Weg zurück gehen.

Auf einem letzten Aussichtspunkt trafen wir noch auf andere Reisegruppen und es gab ein gemeinsames Essen. Toast mit Hähnchenbrustbelag, einfach aber lecker. Mit Verpflegung hatte ich an dieser Stelle nicht mehr wirklich gerechnet.

Von dort aus ging die Fahrt weiter in Richtung Zhanaozen, der Stadt in der ich die Nacht verbringen sollte.

Auf dem Weg in die Stadt bog der Guide allerdings nochmal ab.

Sandwüste.

Null auf dem Schirm gehabt, null erwartet. Einfach plötzlich mitten in der kasachischen Wüstensteppe eine Sandwüste.

Ein paar Fotos gemacht, kurz drauf rumgeturnt und dann zurück ins Auto. Klein aber fein. Ein netter Bonus am Ende eines ohnehin guten Tages.

Auf dem Weg in die Stadt wieder das vertraute Bild: Pferde und Kamele auf der Straße, Ölförderanlagen am Horizont. Westliches Kasachstan in einem Satz.

Zhanaozen selbst ist eine Stadt, die man definitiv nicht aus touristischen Gründen besucht. Das wird einem bereits beim ersten Blick klar. 1964 als reine Ölarbeiterstadt gegründet, benannt nach dem Ölfeld Uzen, das damals das größte Kasachstans war. Bekannt wurde die Stadt vor allem durch das traurige Ereignis des 16. Dezembers 2011, als streikende Ölarbeiter, die monatelang für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen protestiert hatten, von der Polizei beschossen wurden. Mindestens 14 Menschen starben an Kasachstans Unabhängigkeitstag — mitten auf dem Hauptplatz der Stadt. Sehenswürdigkeiten gibt es hier keine, Erinnerungen an das Massaker auch keine, die man sehen würde.

Einchecken im Hotel, kurz durch die Stadt. Gibt nichts zu sehen, man bestätigt sich das nach 10 Minuten selbst. Kurz noch was Essen gegangen, früh ins Bett. Morgen geht es weiter.

Farbspektakel in der Steppe: Gora Bogte und die Tiramisu-Hills

Unerwarteter Bonus: Eine Sandwüste mitten im Nirgendwo

Nach den Tagen in Mangystau folgte die nächste Eskalationsstufe. Über eine extrem abgeschlagene Grenze ging es direkt ins Ungewisse und in eines der am meisten abgeschotteten Länder der Welt.

Über Turkmenbashi, die eigenen Vorurteile und das echte Leben vor Ort führte der Weg tiefer in das Land hinein. Am Ende stand die surreale Stadt Asgabat auf dem Plan, mit ihren unfassbar skurrilen Bauten und einer Atmosphäre, die man so nirgendwo anders findet. Die Eindrücke dieser drei Tage waren komplett surreal.

Hier geht’s zum vollen Bericht und den Bildern der nächsten 3 Tage: